Ein Jahr nach dem Erdbeben in Syrien und der Türkei

Veröffentlicht am 06.02.2024

Streiflicht - Zehntausende Menschen starben bei der Katastrophe im vergangenen Jahr. Das ist Thema mit André Stiefenhofer von "Kirche in Not".

Heute vor einem Jahr kam es in der Türkei und in Syrien zur Katastrophe. Zwei Erdbeben in Folge erschütterten den Nordwesten Syriens und den Südosten der Türkei und kosteten 60.000 Menschen das Leben. Ein Jahr nach der Katastrophe sprechen wir mit André Stiefenhofer über die aktuelle Lage. Er ist Pressesprecher von dem internationalen Hilfswerk Kirche in Not.

Ein Jahr nach dem Erdbeben in Syrien und der Türkei

Streiflicht Nachrichtenmagazin um 12:15 Uhr mit Nadja Neubauer und André Stiefenhofer, Pressesprecher von Kirche in Not

Jahrestag des Erdbebens in der Türkei und Syrien

Sonderkollekte der katholischen Kirche erbrachte 2,5 Millionen Euro

Am 6. Februar 2023 führten zwei verheerende Erdbeben zu großem Leid für die Menschen im Südosten der Türkei und im Nordwesten Syriens. Durch die Beben starben etwa 60.000 Menschen, mehr als 125.000 wurden zum Teil schwer verletzt. Gemessen an diesen Zahlen war es das schwerste Erdbeben weltweit seit über zehn Jahren.

Für die Katholiken in Deutschland erklärte sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, mit den Opfern dieser Naturkatastrophe solidarisch. Er rief, wie alle Bischöfe in Deutschland, zum Gebet für die Betroffenen und zu Spenden auf. Anfang März 2023 wurde in allen katholischen Pfarrgemeinden eine Sonderkollekte gehalten, bei der 2,5 Millionen Euro gesammelt wurden. Mit diesen Mitteln und vielen weiteren Einzelspenden konnten die Hilfswerke Caritas international, Misereor und Malteser International gemeinsam mit ihren Partnerorganisationen vor Ort schnelle Hilfsmaßnahmen einleiten. Zunächst stand die Verteilung von Lebensmittel- und Hygienepaketen sowie warmen Decken und Winterjacken im Vordergrund; notwendig waren auch psychosoziale Unterstützung sowie mobile Klinikdienste. Inzwischen schreiten außerdem die Reparaturen von beschädigten Häusern und Wohnungen und der Aufbau von Fertighäusern voran.

Bischof Bätzing dankt allen Spenderinnen und Spendern: „Die schnelle Hilfe war wichtig; vor allem für die Betroffenen war sie ein lebendiges Zeichen der Mitmenschlichkeit. Ein ganz herzliches Dankeschön sage ich allen, die sich solidarisch gezeigt haben und den Betroffenen zu Nächsten wurden. Aber die Überlebenden trauern weiterhin über den Verlust von Familienmitgliedern und Freunden; viele leben immer noch in Notunterkünften und warten auf den Wiederaufbau ihrer Wohnungen. Auch ein Jahr danach ist daher Unterstützung notwendig.“

Syrischer Bischof: Wenn noch mehr Christen gehen, hat der Westen ein Problem

Erdbeben vor einem Jahr habe Konfessionen einander nähergebracht

Der armenisch-orthodoxe Bischof im syrischen Aleppo, Magar Ashkarian, sieht mit der anhaltenden Auswanderung von Christen aus dem Nahen Osten weitere Probleme auf die westliche Gesellschaft zukommen: „Um die christlichen Werte zu schützen, müssen die Christen im Nahen Osten bleiben. Denn diese Werte werden hier höher geschätzt“, erklärte Ashkarian im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN). „In der westlichen Welt mit Säkularismus und Globalisierung reißt die Strömung alles mit sich. Wenn die Christen den Nahen Osten verlassen, wird der Westen mehr leiden als heute.“

„Die Situation ist unerträglich“

Der Bischof leitet seit 2022 die armenisch-orthodoxe Gemeinschaft in Aleppo. Er war zuvor unter anderem im Libanon und Iran tätig. Er appellierte an die internationale Gemeinschaft, „dass Sie ihr Bestes tut, um moralisch und finanziell dazu beizutragen, die Präsenz der Christen im Nahen Osten und insbesondere in Syrien zu stärken“. Die Situation dort sei „unerträglich“. Das Erdbeben vom 6. Februar 2023, das neben der Türkei auch Teile Syriens traf, habe die humanitäre Situation verschlimmert.

Ashkarian forderte ein Ende der Syrien-Sanktionen: „Die meisten Menschen verlassen aufgrund der Sanktionen das Land, und das stellt uns vor große Herausforderungen, insbesondere Minderheiten wie die Christen.“ Es mangle aktuell an Strom und Gas, viele Menschen seien arbeitslos. „Die Zukunft ist düster, wir wissen nicht, was wir tun werden“, sagte der Bischof. Seine armenisch-orthodoxe Gemeinde versuche aktuell, jungen Paaren günstigen Wohnraum zu vermitteln und ihnen auch 2 finanziell unter die Arme zu greifen, um sie dadurch zum Bleiben zu bewegen.

„Wir reden nicht über Ökumene, wir leben sie“

Ashkarian dankte Organisationen wie „Kirche in Not“, die „offene Fenster und Türen“ nutzten, um den Menschen in Syrien zu helfen. Der Bürgerkrieg ab 2011 und die anhaltende Krise hätten die zuvor oft distanzierten christlichen Konfessionen einander näher gebracht: „Wir leben in einer sehr engen Beziehung miteinander und versuchen, ohne jegliche Diskriminierung zu helfen.“

Allein in Aleppo seien elf christliche Konfessionen zu Hause, deren Vertreter sich treffen, um die Hilfen zu koordinieren, betonte der Bischof: „Der Krieg und vor allem das Erdbeben haben uns einander nähergebracht. Organisationen wie ,Kirche in Not’ haben dabei eine wichtige Rolle gespielt.“ In Aleppo werde nicht über Ökumene geredet, „sondern wir leben die Ökumene.“

Hoffnung auf Hilfe

Hoffnung äußerte Ashkarian auch im Blick auf das Miteinander von Christen und Muslimen, die in Syrien „jahrhundertelang Seite an Seite gelebt“ hätten: „Alle haben die gleichen Rechte. Wir leben geschwisterlich im Land.“ Um das zu erhalten, sei die Hilfe für alle Menschen in Syrien wichtig: „Wer auch immer auf Regierungs-, institutioneller oder persönlicher Ebene hört: Bitte geben Sie Ihr Bestes, damit wir aus dieser Situation herauskommen können.“